Samstag, 31. Mai 2008

burma (part VI)

nun sind seit unserem besuch in burma doch schon einige wochen vergangen. die bilder und ereignisse jedoch leben in unseren koepfen, als ob erst wenige tage verstrichen waeren. einerseits ist dafuer bestimmt das land und seine leute verantwortlich. aber es war wohl vorallem auch der zyklon nargis, der nicht nur vielen menschen das dach ueber dem kopf, ihr ganzes hab und gut, oder gar das leben raubte, sondern der weltgemeinschaft einmal mehr und diesmal hoffentlich unbestreitbar vorfuehrte, wie skrupellos und menschenunwuerdig die burmesische regierung in ihrem land waltet.

wir beide getrauen uns kaum mit jemandem darueber zu sprechen. wen interessiert schon, was wir erlebt haben, mit all unseren sinnen aufgenommen und nun in der wenigkeit der worte auszudruecken versuchen. und es ist ja auch nicht so, dass wir die toten in den baeumen haengen gesehen haben, nachdem sich das wasser allmaehlich zurueckgezogen hat. auch waren wir nicht zugegen, als der sturm ueber die zumeist nur mit stroh gedeckten und erbaermlich befestigten huetten auf dem delta hinweg gezogen ist. aber wir sind durch strassen in yangon gegangen, in welcher kein baum und keine stromleitung ungeknickt war. wir haben die stimmung in der 5 millionenstadt erlebt, in welcher wohl ein jeder einwohner um das wohl und leben eines verwandten oder anderweitig geliebten bangte. in der die lichter auch bei nacht nicht angingen, kaum mehr trinkbares wasser vorhanden war, der preis fuer abgefuelltes wasser dafuer aufs zehnfache schnellte und das militaer mit bescheidensten mitteln und in beschaulichem tempo versuchte, die pulsadern der stadt, ihre strassen eben, ihrer hindernisse zu entledigen.

es sind nur einige tage vergangen, dass wir auf dem wasserweg durch das irrawaddy-delta gekurvt sind (burma, part I), bevor der sturm gekommen ist. vorbei an doerfern, welche mittelalterlich, zuweilen gar voreisenzeitlich scheinen. da pfluegen aus holz gezimmerte und von ochsen gezogene rechen den fruchtbaren boden, halbierte baumstaemme dienen als einfache bruecken und alsbald es eindunkelt breitet sich der rauch der koch- und feuerstellen ueber das land aus. jahrzehnte, wenn nicht gar jahrhunderte liegen zwischen diesem und unserem leben. da gibts kein strom, kein fliessend wasser, kein maschinelle verarbeitung; ein paar dutzend landarbeiter holen die ernte ein, tragen sie auf dem ruecken und in grossen saecken ins dorf und dort wird die ware von hand weiterverarbeitet. die huettchen der bewohner sind aus holz, teils mit wellblech, teils gar nur mit schilf gedeckt. unter diesen daechern findet sich nicht viel mehr als eine matte, welche als matraze dient, und die lebenswichtigsten utensilien a la kochtopf, streichhoelzern und einem wasserkanister.

und dann das. die rede ist von einem staerkeren sturm, die offiziellen stellen sprechen von zu erwartenden 60-100 km/h winden und am tag selbst schliessen die geschaefte etwas frueher als gewoehnlich. man nimmt, sofern man ueberhaupt davon vernimmt (man denke an all die abgeschiedenen doerfer), den aufkommenden sturm zur kenntnis, doch unterschaetzt ihn gewaltig. die nacht bricht an und der zyklon zieht mit voller wucht ueber das flache und relativ dicht besiedelte land hinweg. mit windgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h und einer 3 meter hohen flutwelle. die folgen werden erst tage danach publik. nur sehr spaerlich gelangen die informationen ans licht. noch zwei tage nach dem sturm war die rede von nur 200 toten und einigen verletzten, das offizielle fernsehen beliess es bei bildern von geknickten baeumen bleiben. doch der schaden war zu gewaltig, als dass man ihn haette verschweigen koennen. bald schon sprach man von 10'000 toten und einem vielfachen an vermissten. doch nachdem man die route des hurricans und die bilder in den auslaendischen fernsehsendern gesehen hatte, war allen klar, dass dies nur ein geringer prozentsatz des wirklichen ausmasses abbilden wuerde...

was ist wohl geschehen mit vincent, dem jungen begleiter auf unserer bootsfahrt durch das delta. der in myaumya, einer vom hurrican verwuesteten stadt, wieder zur schule musste und sich deshalb die kabine neben uns mit weiteren schulkameraden teilte. oder mit norman, dem manager unseres strand-resorts, der naechstes jahr in einem anderen hotel arbeiten wollte, in welchem er fortan 50 dollar im monat anstelle der jetzigen 30 verdienen wuerde. und wie geht es der hochschwangeren kellnerin, welche uns mit stolzem bauch und einem herzlichen lachen das fruehstueck servierte?

nun gibt es wohl immer wieder katastrophen von diesem ausmass. und vornehmlich auch in gebieten, in welchen die leute in armut leben. nur knapp 10 tage spaeter bebt die erde in china und begraebt etwa aehnlich viele menschen unter sich. aber es gibt doch einen gewaltigen unterschied; in burma kuemmert sich keine regierung um das schicksal der menschen. china mag keine demokratie nach unserem verstaendnis sein, und mit sicherheit haben die bevorstehenden spiele in peking auch ihren einfluss auf das verhalten der politischen fuehrung, doch da wird das militaer aufgeboten, um den menschen zu helfen. sie werden evakuiert, versorgt und behandelt. und wenn die eigenen kraefte nicht ausreichen, so wird gar die angebotene humanitaere hilfe vom frueheren erzfeind japan akzeptiert.

in burma ist die situation anders. wahrlich schockierend. man mag sich das verhalten machthungriger herrscher vorstellen koennen und fuer diesen hunger gar bis zu einem gewissen grade verstaendnis aufbringen, doch die junta in burma schlaegt in dieser beziehung alles. vorweg nur ein paar anekdoten zum fuehrungsstil des burmesischen generals:

- bis vor wenigen jahren gab es fuer auslaender nur ein 24 stunden visa.
- um der vergangenheit der britischen kolonie zu trotzen, wurde ueber nacht beschlossen, die fahrtrichtung des strassenverkehrs zu aendern. so sind nun nahezu alle fahrzeuge fuer den linksverkehr gebaut (steuer rechts), doch der verkehr rollt rechts. nicht unbedingt der sicherheit dienlich, wenn man erst die halbe breite des wagens in die strassenmitte fahren muss, um sich zu vergewissern, dass ein ueberholen moeglich ist.
- es gibt genau ein handy-netz. natuerlich ein staatliches. eine sim karte dafuer kostet sage und schreibe 1000 dollar (bei einem durchschnittsverdienst von 30 dollar/monat). damit wird sichergestellt, dass die masse keinen zugang dazu hat.
- lokale und nationale telefonate kosten fast nix (werden aber zum teil noch von einer vermittlungszentrale von hand weitergeleitet. kennt man noch, die schwarz-weiss bilder von der dame hinter einem riesigen schaltpult, auf welchem sie behende gewuenschte anrufe verbindet...). ein anruf ueber die landesgrenze weg hingegen kostet 5 dollar/minute.
- weil die fuehrung besorgt war, dass sich die gemeine bevoelkerung einen gewissen wohlstand zusammengespart hatte und dies als gefaehrlich taxierte, wurden zweimal ueber nacht die wertvollsten banknoten fuer ungueltig erklaert. und dafuer neue (90 / 45 chat) eingefuehrt. wer sein vermoegen nicht in dollar oder edelsteinen angelegt hatte, verlor alles. und das waren die meisten.
- mit der neuen, tage nach dem hurrican durchgezwaengten und anscheinend mit ueber 90% zustimmung vom volke gutgeheissenen verfassung darf die friedensnobelpreistraegerin aung san suu kyi auf lebzeiten kein offiziellen taetigkeit mehr nachgehen. und dies nach ihrem haushochen sieg bei den einzigen freien wahlen in den neunziger jahren. sie lebt uebrigens seit jahren unter hausarrest in ihrem haus in yangon.
- in wenigen jahren wurde eine neue regierungsstadt fernab der hauptstadt yangon aus dem boden gestampft. im umkreis von mehreren kilometern ist alles abgesperrt und fuer einen normalsterblichen und auslaender ist die stadt nicht zugaenglich. angeblich solle die neue stadt nun mehr im zentrum burmas liegen, also fuer die bevoelkerung besser erreichbar sein... hintergedanke ist jedoch ganz klar, dass man sich damit die moeglichen scharmuetzel in der zuweilen aufmuepfigen stadt yangon vom leibe halten will.
- und als letztes vielleicht noch: lieber wird das geld fuer den bau einer neuen stadt ausgegeben, anstatt die voellig heruntergekommene infrastruktur zu erneuern. so ist beispielsweise die strasse zwischen den beiden groessten staedten des landes nur einspurig befahrbar und mit schlagloechern uebersaeht. und dies auf einer strecke von gut 700 kilometern. die reise mit dem zug geht durchschnittlich mit einer geschwindigkeit von 30 km/h vonstatten...

und nun eben noch das; nargis haett's wirklich nicht auch gebraucht. doch die burmesen haben eine mordsgeduld und gar in dieser situation einen sinn fuer schwarzen humor. so sagen sie, dass sie auch diese krise ueberstehen werden. nur leider, und das bedauern sie von ganzem herzen, ja, leider hat dieser sturm sein eigentliches ziel, die neue regierungsstadt, ganz knapp verfehlt...

es finden sich wahrlich keine worte fuer die taten und untaten der regierung im anschluss an diese katastrophe. erst wird die dringendst benoetigte auslaendische hilfe abgelehnt. dann angenommen, jedoch werden fuer mehr als eine woche keine visen fuer die mitarbeiter der hilfsorganisationen ausgestellt. die botschaft in bangkok geht in flammen auf und es besteht kein zweifel, dass dies feuer der weiteren verzoegerung von visa-ausstellungen dient. die hilfsgueter stehen am flughafen in bangkok bereit, doch es werden keine fluege ins land genehmigt. eine maschine muss den flughafen yangon gar ungeloescht wieder verlassen, nachdem sie sich ueber das verbot hinweggesetzt hatte. tage spaeter wurden die fluege erlaubt, doch die gueter werden umgehend von der burmesischen armee in beschlag genommen. es gilt als unbestritten, dass, wenn ueberhaupt, nur ein kleiner teil den weg zu den beduerftigen findet; das gros verschwindet in den lagerhallen des militaers oder wird auf dem schwarzmarkt zu hohen preisen verkauft. und auch jetzt noch wird nur sehr wenigen auslaendischen helfern der zugang ins krisengebiet gewaehrt. die meisten sitzen zur untaetigkeit verdammt in yangon und koennen nichts weiter tun, als die mit primitivsten mitteln ausgeruesteten lokalen hilfsorganisationen zu unterstuetzen.

ich will mir nicht vorstellen, wie unser strandparadies jetzt ausschaut. wie es der werdenden mutter geht, selbst wenn sie den sturm ueberlebt haben sollte, und wie erst dem kleinen neugeborenen... doch die regierung schickt die hungernden leute zurueck in ihre zerstoerten doerfer und meint lapidar, es gebe dort schliesslich genuegend froesche zum essen.

wie froh koennen wir uns schaetzen, in einem land wie der schweiz geboren zu sein. doch so ganz koennen wir uns der schuld an solchen humanitaeren katastrophen nicht entledigen. denn wer, wenn nicht wir, haette die mittel und moeglichkeiten, solches zu verhindern... die frage ist nur, wie. doch immerhin, die schweiz schickte 2 mitarbeiter einer organisation ins krisengebiet, um die situation abzuklaeren.

wir bleiben dran.

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